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Mein Vater sass am Kopf des Tisches und hatte mich zu seiner Rechten platziert; meine Mutter sass links, wie immer; meine Schwestern und die Kinder sassen unbestimmt, und Maria sass mir gegenuber.
Mein Vater, der in meiner Abwesenheit ergraut war, warf mir zufriedene Blicke zu und lachelte auf jene schelmische und susse Art, die ich nie auf anderen Lippen gesehen habe. Meine Mutter sprach wenig, denn in solchen Momenten war sie glucklicher als alle anderen um sie herum. Meine Schwestern bestanden darauf, mich die Snacks und Cremes probieren zu lassen, und sie errotete bei jedem, dem ich ein schmeichelndes Wort oder einen prufenden Blick zuwarf. Maria verbarg ihre Augen hartnackig vor mir; aber ich konnte in ihnen den Glanz und die Schonheit der Frauen ihrer Rasse bewundern, bei zwei oder drei Gelegenheiten, wenn sie trotz ihrer selbst die meinen direkt trafen; ihre roten Lippen, feucht und gnadig gebieterisch, zeigten mir nur einen Augenblick lang die verschleierte Schlichtheit ihrer hubschen Zahne. Sie trug, wie meine Schwestern, ihr uppiges dunkelbraunes Haar in zwei Zopfen, von denen einer mit einer roten Nelke geschmuckt war. Sie trug ein Kleid aus leichtem, fast blauem Musselin, von dem man nur einen Teil des Mieders und des Rocks sehen konnte, denn ein Tuch aus feiner violetter Baumwolle verdeckte ihre Bruste bis zum Ansatz ihres mattweissen Halses. Da ihre Zopfe hinter dem Rucken gedreht waren, von wo aus sie rollten, als sie sich zum Bedienen buckte, bewunderte ich die Unterseite ihrer kostlich gedrehten Arme und ihre Hande, die wie die einer Konigin manikurt waren.
Nach dem Essen hoben die Sklaven die Tischtucher, einer von ihnen sprach das Vaterunser, und ihre Herren vervollstandigten das Gebet.
Das Gesprach wurde dann vertraulich zwischen meinen Eltern und mir.
Maria nahm das Kind, das auf ihrem Schoss schlief, in ihre Arme, und meine Schwestern folgten ihr in die Gemacher: Sie liebten sie innig und wetteiferten um ihre susse Zuneigung.
Im Wohnzimmer angekommen, kusste mein Vater seine Tochter auf die Stirn, als er ging. Meine Mutter wollte mir das Zimmer zeigen, das fur mich eingerichtet worden war. Meine Schwestern und Maria, die jetzt nicht mehr so schuchtern waren, wollten sehen, welche Wirkung ich mit der sorgfaltigen Dekoration erzielte. Das Zimmer befand sich am Ende des Korridors an der Vorderseite des Hauses; das einzige Fenster war so hoch wie ein bequemer Tisch; und in diesem Moment, als die Flugel und Gitter geoffnet waren, kamen bluhende Zweige von Rosenstrauchern hindurch, um den Tisch zu schmucken, auf dem eine schone blaue Porzellanvase eifrig Lilien, Nelken und violette Flussglocken in ihrem Glas hielt. Die Bettvorhange waren aus weisser Gaze, die mit breiten, rosafarbenen Bandern an den Saulen befestigt waren, und neben dem Kopfende des Bettes stand in einem mutterlichen Schmuckstuck die kleine Dolorosa, die mir als Kind als Altar gedient hatte. Einige Landkarten, bequeme Sessel und ein schones Toilettenset vervollstandigten die Aussteuer.
–Was fur schone Blumen!
– rief ich aus, als ich all die Blumen aus dem Garten und die Vase auf dem Tisch sah.
–Maria hat sich daran erinnert, wie sehr du sie mochtest", bemerkte meine Mutter.
Ich wandte meinen Blick zu ihm, um ihm zu danken, und seine Augen schienen diesmal meinem Blick nicht standzuhalten.
–Mary", sagte ich, "wird sie fur mich aufbewahren, weil sie in dem Zimmer, in dem du schlafst, schadlich sind.
–Ist das wahr?
– antwortete er, "ich werde sie morgen ersetzen.
Wie suss sein Akzent war!
–Wie viele davon gibt es?
–Viele davon; sie werden jeden Tag aufgefullt.
Nachdem meine Mutter mich umarmt hatte, reichte Emma mir ihre Hand, und Maria, die mich fur einen Moment mit der ihren zuruckliess, lachelte mich an wie in ihrer Kindheit: Dieses Grubchenlacheln war das des Kindes meiner Jugendliebe, das im Gesicht einer Jungfrau von Raphael uberrascht wurde.
Kapitel IV
Ich schlief friedlich ein, so wie ich in meiner Kindheit bei einer der wunderbaren Geschichten von Peter dem Sklaven einschlief.
Ich traumte, dass Maria hereinkam, um die Blumen auf meinem Tisch zu erneuern, und dass sie auf dem Weg nach draussen mit ihrem wallenden, mit kleinen blauen Blumen ubersaten Musselinrock die Vorhange meines Bettes streifte.
Als ich aufwachte, flatterten die Vogel im Laub der Orangen- und Grapefruitbaume, und Orangenbluten erfullten mein Zimmer mit ihrem Duft, sobald ich die Tur offnete.
Marias Stimme drang damals suss und rein an meine Ohren: es war die Stimme ihres Kindes, aber tiefer und bereit, sich allen Modulationen der Zartlichkeit und der Leidenschaft hinzugeben; ach, wie oft ist in meinen Traumen ein Echo desselben Akzents zu meiner Seele gekommen, und meine Augen haben vergeblich nach jenem Obstgarten gesucht, in dem ich sie an jenem Augustmorgen so schon sah!
Das Kind, dessen unschuldige Liebkosungen alles fur mich gewesen waren, wurde nicht mehr die Begleiterin meiner Spiele sein; aber an goldenen Sommerabenden wurde sie an meiner Seite inmitten der Gruppe meiner Schwestern spazieren gehen; ich wurde ihr helfen, ihre Lieblingsblumen zu zuchten; am Abend wurde ich ihre Stimme horen, ihre Augen wurden mich ansehen, ein einziger Schritt wurde uns trennen.
Nachdem ich meine Kleider etwas zurechtgelegt hatte, offnete ich das Fenster und sah Maria in einer der Gartenstrassen, in Begleitung von Emma: Sie trug ein dunkleres Kleid als am Abend zuvor, und ihr violettes Tuch, das sie um die Taille gebunden hatte, fiel wie ein Band uber ihren Rock; ihr langes Haar, das in zwei Zopfe geteilt war, verdeckte einen Teil ihres Ruckens und ihrer Brust; sie und meine Schwester hatten nackte Fusse. Sie trug eine Porzellanvase, die ein wenig weisser war als die Arme, die sie hielten, und die sie wahrend der Nacht mit offenen Rosen fullte, wobei sie die weniger feuchten und uppigen als verwelkt wegwarf. Lachend tauchte sie mit ihrer Begleiterin ihre Wangen, die frischer waren als die Rosen, in die uberquellende Schale. Emma entdeckte mich; Maria bemerkte es, und ohne sich zu mir umzudrehen, fiel sie auf die Knie, um ihre Fusse vor mir zu verbergen, band ihr Tuch von der Taille ab und tat so, als spiele sie mit den Blumen, indem sie ihre Schultern damit bedeckte. Die nackten Tochter der Patriarchen waren in der Morgendammerung, wenn sie Blumen fur ihre Altare pfluckten, nicht mehr schon.
Nach dem Mittagessen rief mich meine Mutter in ihr Nahzimmer. Emma und Maria stickten neben ihr. Sie errotete erneut, als ich mich vorstellte; vielleicht erinnerte sie sich an die Uberraschung, die ich ihr am Morgen unabsichtlich bereitet hatte.
Meine Mutter wollte mich die ganze Zeit sehen und horen.
Emma, die jetzt noch anzuglicher war, stellte mir tausend Fragen uber Bogota; sie verlangte von mir, dass ich prachtige Balle, schone Damenkleider und die schonsten Frauen der damaligen High Society beschrieb. Sie horten zu, ohne ihre Arbeit zu verlassen. Maria warf mir manchmal einen nachlassigen Blick zu oder machte eine leise Bemerkung zu ihrer Begleiterin an ihrem Platz; und als sie sich erhob, um sich meiner Mutter zu nahern, um sich uber die Stickerei zu beraten, konnte ich sehen, wie schon ihre Fusse beschlagen waren: ihr leichter und wurdevoller Schritt verriet den ganzen Stolz unserer Rasse und die verfuhrerische Bescheidenheit der christlichen Jungfrau. Ihre Augen leuchteten auf, als meine Mutter den Wunsch ausserte, ich moge den Madchen einige Lektionen in Grammatik und Geographie erteilen, Facher, in denen sie nur wenig Kenntnisse hatten. Es wurde vereinbart, dass wir nach sechs oder acht Tagen mit dem Unterricht beginnen wurden, damit ich in dieser Zeit den Wissensstand der Madchen beurteilen konnte.
Einige Stunden spater wurde mir gesagt, dass das Bad fertig sei, und ich ging hin. Ein belaubter, korpulenter Orangenbaum, der mit reifen Fruchten uberquoll, bildete einen Pavillon uber dem weiten Becken aus polierten Steinbruchen: viele Rosen schwammen im Wasser: es glich einem orientalischen Bad und duftete nach den Blumen, die Maria am Morgen gepfluckt hatte.
Kapitel V
Drei Tage waren vergangen, als mein Vater mich einlud, seine Landereien im Tal zu besichtigen, und ich war gezwungen, ihm zu folgen, denn ich hatte ein echtes Interesse an seinen Unternehmungen. Meine Mutter war sehr besorgt uber unsere baldige Ruckkehr. Meine Schwestern waren traurig. Maria bat mich nicht wie sie, noch in der gleichen Woche zuruckzukehren, aber sie verfolgte mich unablassig mit ihren Augen wahrend der Vorbereitungen fur die Reise.